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Wird in Deutschland zu viel geröntgt?

Deutsche Ärzte röntgen oft. Das ist teuer, nicht immer sinnvoll und kann den Patienten sogar schaden


Computertomografien liefern wichtige Befunde, sind aber mit einer hohen Strahlenbelastung verbunden

"Zur Sicherheit machen wir noch ein Bild.“ Dieser Satz fällt täglich in Kliniken, Notambulanzen und Praxen. Rund 140 Millionen Röntgenaufnahmen machen deutsche Radiologen im Jahr. Damit liegen sie im weltweiten Vergleich weit vorne. Nur die Japaner röntgen noch öfter.

Zweifellos leistet die Strahlendiagnostik einen segensreichen und unverzichtbaren Beitrag in der Medizin. Doch zum einen kostet sie immer mehr, zum anderen ist sie bekanntermaßen mit Nebenwirkungen verbunden: Hochrechnungen lassen befürchten, dass jährlich bis zu 2000 Krebserkrankungen in Deutschland auf Röntgenstrahlen zurückzuführen sein könnten. Gehen unsere Mediziner zu leichtfertig mit der Technik um?


„Die Hemmschwelle, Röntgendiagnostik einzusetzen, ist niedrig“, sagt Professor Joachim Berkefeld, Radiologe und Strahlenschutzbeauftragter am Universitätsklinikum Frankfurt am Main. „Das hat verschiedene Ursachen.“ Zum einen sei das Bedürfnis nach Absicherung hoch, vor allem im Klinik- und Notaufnahmebetrieb. Die Ärzte dort sind oft noch jung und unerfahren und stehen außerdem unter Zeitdruck. Dennoch müssen sie zu eindeutigen und dokumentensicheren Befunden kommen. Diese liefert ihnen der Radiologe: schnell und schwarz auf weiß.

Das ist in der Regel auch nützlich und verhältnismäßig ungefährlich. Doch sollte man gerade bei strahlenintensiveren Verfahren wie der Computertomografie (CT) immer abwägen, wie viel Information das Bild in der jeweiligen Situation tatsächlich liefert. „Schwindel oder Kopfschmerz muss nur unter bestimmten Bedingungen durch eine CT abgeklärt werden“, nennt Berkefeld ein Beispiel. „Die körperliche Untersuchung und Anamnese liefern in den meisten Fällen genug Hinweise, um eine gefährliche Ursache wie eine Blutung auszuschließen.“ Trotzdem würden die Schichtbilder in den genannten Fällen oft gemacht, weil die Mediziner unsicher sind oder nicht genug Zeit haben, Patienten ausführlich zu untersuchen. „Hier spielen auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle“, ergänzt der Neuroradiologe. Es sei für die Klinik kostengünstiger, einen Patienten anhand eines Bilddokuments abzuweisen, als ihn im Zweifel aufzunehmen und zu beobachten.

Unter dem Gesichtspunkt der Strahlenhygiene ist solch ein Vorgehen aber nicht unproblematisch. Eine Schichtaufnahme belastet den Körper je nach Gerät und Aufnahmetechnik mit bis zu 20 Millisievert – etwa der Strahlendosis von 100 herkömmlichen Röntgenaufnahmen.

„Das ist im Einzelfall noch nicht dramatisch, vor allem, wenn es darum geht, eine bedrohliche Erkrankung abzuklären“, differenziert Joachim Berkefeld. Doch weil CT-Untersuchungen zunehmend zum Einsatz kommen, ist die Strahlenbelastung der Bevölkerung insgesamt stetig gestiegen. Sie beträgt heute das Doppelte der natürlichen Strahlenbelastung. Die Notwendigkeit einer Untersuchung sollte daher von den zuständigen Ärzten stets sorgfältig geprüft werden, rät Berkefeld.

Das geschieht aber offenbar häufig nicht. Viele Kranke kämen unnötigerweise oder zu oft in die Röhre, beklagt Dr. Christoph Heyer vom Universitätsklinikum Bochum und erklärt, warum das so ist: „Der Nutzen der Untersuchung wird gelegentlich überschätzt, ihre Risiken werden vernachlässigt.“ Der Radiologe führte vor wenigen Jahren eine Studie durch, bei der er Ärzte zu Strahlenrisiken befragte. Dabei kam er zu einem besorgniserregenden Ergebnis: Nur etwa ein Viertel der Kollegen waren sich über das Ausmaß der Röntgendosen im Klaren, die sie ihren Patienten verordneten.



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Dr. Christian Guht / Apotheken Umschau; 23.08.2010, aktualisiert am 23.08.2010
Bildnachweis: Your Photo Today/Superbild Bildagentur GbR/BSIP

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